Toxische Faktoren, die jedes Projekt scheitern lassen – Teil1: Mikropolitik

Toxische Faktoren, die jedes Projekt scheitern lassen – Teil1: Mikropolitik

Die Realisierung eines Projekts mit IT-Schwerpunkt ist nicht nur ein technischer, sondern in erster Linie ein sozialer bzw. politischer Prozess, der nur bei ca. 29 % der IT-Projekte erfolgreich absolviert wird.

Als Interim Managerin kenne ich diverse Statistiken sowie die aufgeführten Gründe für das Scheitern eines Projektes, wie beispielsweise niedrige Budgets, geringe Ressourcen oder unklare Anforderungen. Aber was ist mit dem Faktor Mikropolitik, der Projekte regelmäßig untergräbt und massiv gefährden kann?

In meiner bisherigen Laufbahn durfte ich häufig erleben, dass persönliche Interessen Einzelner im Vordergrund stehen, die auch einhergehen mit der Beeinflussung oder Instrumentalisierung anderer. Es wird viel Energie darauf verwendet, die eigenen Ziele oder Machtposition zu erhalten, indem nur mit verdeckten Karten gespielt wird, absichtlich Informationen zurückgehalten werden oder der Kollege angehalten wird, die Unterstützung bei einer Aufgabe zu verweigern.

Mikropolitisches Verhalten ist also planmäßig und verfolgt klar definierte Ziele, um persönliche Vorteile zu erreichen, die einem Projekt sehr schaden können.

Mikropolitische Spielfelder

Als Interim Manager betritt man regelmäßig ein neues mikropolitisches Spielfeld, in dem sich auf unterschiedlichen hierarchischen Positionen Menschen mit verschiedenen Interessen bewegen. Hierbei erlebe ich oft mit, dass Machtspiele sehr gern in Projekte verlagert und ausgetragen werden.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein Interim Manager wird beauftragt, ein IT-Projekt zu retten, das durch den ehemaligen Projektmanager nicht realisiert werden konnte. Hierfür soll er mit einem jungen Team zusammenarbeitet, das disziplinarisch von einem langjährigen Mitarbeiter geführt wird. Dieser langjährige Mitarbeiter fühlt sich durch den Interim Manager jedoch zurückgesetzt, weil ihm dieser vorgesetzt wurde. Daher entschließt sich der langjährige Mitarbeiter, seine Unterstützung zu verweigern. Mehr noch, er trägt seinem Team auf wichtige Prozessschritte, von denen er weiß, dass sie für den erfolgreichen Abschluss eines Arbeitspakets notwendig sind, nicht auszuführen, weil diese hierzu keine Weisung von ihm erhalten haben. Er lässt somit den Interim Manager „ins offene Messer“ laufen.

Oder versetzen Sie sich in ein Projektmeeting, in dem gerade die anstehenden Aufgaben zwischen dem Interim Manager und dem jungen Team besprochen werden. Obwohl der Weg und das Ziel klar definiert wurden, erhält der Interim Manager bei jeder Aufgabe Rückmeldungen wie: „Das habe ich noch nie gemacht.“, „Da müsste ich mich erst einlesen“, „Ich würd’s ja machen, aber …“, „Ich kann nicht, weil…“ Diese Aussagen werden mit dem Ziel getätigt, einen kleinen Widerstand aufzubauen.

Bei beiden Beispielen geht es in erster Linie darum, die eigenen Interessen durchzusetzen. Es sind kleine Spiele der Macht, die dann besonders gefährlich sind, wenn die persönlichen Ziele

  • gegen die Projektziele gerichtet sind,
  • mit ihnen nicht vereinbar sind oder
  • diese sogar sabotieren.

Weitere Merkmale für Mikropolitik zeigen sich in Projekten, die organisationsübergreifend aufgesetzt sind, da in diesen Projekten oftmals die Hemmschwelle für Machtspiele noch weiter sinkt. Auch hier kann sich mikropolitisches Verhalten negativ auf das Projekt auswirken, wenn

  • sich Projektbeteiligte unterschiedlicher Organisationen bei der Arbeit absichtlich behindern,
  • die Schuld immer beim anderen gesucht wird und
  • sich nicht auf das Finden gemeinsamer Lösungen konzentriert wird, sondern eher die Abwehr- bzw. Widerstandshaltung eingenommen wird.

Wie mit Machtspielchen in Projekten umgehen?

Wenn im Projekt unterschiedliche Interessen aufeinanderstoßen, hilft es dem Interim Manager oft nicht weiter, die sachliche Perspektive des Projekts weiter einzunehmen, da für diese Belange kein Blick vorhanden ist oder negative Auswirkungen auf Projekt oder Mitmenschen klar im Hintergrund stehen.

In diesem Fall ist es unabdingbar, erst einmal die Lage einzuschätzen, um notwendige Maßnahmen abzuleiten. Hierfür ist es hilfreich, u.a. folgende Fragen zu beantworten:

  • Wer kann (nicht) mit wem?
  • Wer spielt wen gegeneinander aus?
  • Wer instrumentalisiert seine Mitmenschen?
  • Wer verfolgt welche Interessen?

Lässt sich nun eine Intension für das mikropolitische Verhalten ableiten, sollten geeignete Maßnahmen eingeleitet werden, bevor das Projekt Schaden nimmt.

„Play the Game!“ kann anschließend eine Vorgehensweise sein, um kleinen Machtspielchen entgegenzuwirken. Die Aufgabe des Interim Managers ist es, das Projekt endlich zum Erfolg zu führen und bei unterschiedlicher Interessen die Projektentscheidungen herbeizuführen, die im Sinne des Projekts stehen. Hierfür ist es durchaus notwendig, wichtige Entscheidungen zu lenken, also letztlich ebenfalls mikropolitisch gegenzuhalten.

Der Fürst Machiavelli verfolgte eine andere Strategie: die Familie des früheren Herrschers auszurotten, um die Einwohner des eroberten Reiches sicher zu beherrschen. Diese Strategie hört sich erst mal sehr radikal an, ist jedoch notwendig, um nicht vom Projektteam eines ehemaligen Projektmanagers hintergangen oder sabotiert zu werden. In diesem Fall besteht die Aufgabe des Interim Mananger darin, die übernommenen Mitarbeiter eines bestehenden Projektteams zu identifiziert und sukzessive austauschen, denen eher daran gelegen ist, sich in Machtspielen auszuprobieren, um ihre persönlichen Ziele zu verfolgen und die nicht im Sinne des Projekts und auch des Unternehmens agieren. Aus Projektsicht ein absolut notwendiges Vorgehen, um das Projekt wieder zu stabilisieren und die Erreichung der Projektziele sicherzustellen.

Da jedoch das Auswechseln des alten Projektteams aus Ressourcengründen nicht immer möglich ist, sollte über die Strategie „alles zurück auf Null“ nachgedacht werden. Erfahrungsgemäß geben Teammitglieder, die unter dem vorherigen Projektmanager schon innerlich gekündigt hatten dem neuen Projekt mit frischen Wind auch eine neue Chance. Bisherige Projekterfolge des Projektteams fallen allerdings auch nicht mehr ins Gewicht und werden für einen Neustart auf Null zurückgesetzt. Dies wiederum kann zu neuen mikropolitischen Verhalten führen womit möglicherweise die Strategie des „Fürst Machiavelli“ zu überdenken wäre.

Bei wahrgenommenem mikropolitischen Verhalten sollte immer die zugrunde liegende Intention bewertet werden. Stimmen die persönlichen Ziele weitgehend mit den Unternehmenszielen übereinstimmen, können diese Verhaltensweisen aus Unternehmenssicht durchaus sinnvoll sein. Wird jedoch keine Rücksicht auf das Projektteam genommen und die Folgen für das Umfeld bewusst ausgeblendet, sollte sich das Unternehmen die Frage stellen, inwieweit es solch ein Verhalten tolerieren möchte. Vor allem mikropolitisches Verhalten in den oberen Etagen eines Unternehmens schadet dem Unternehmen erheblich, da Mikropolitiker noch mehr Macht erhalten, ihren Wirkungsradius auszuweiten und ihre persönlichen Interessen durchzusetzen.

Fazit

In den genannten Fallbeispielen wurden bewusst ausschließlich mikropolitische Verhaltensweisen gewählt, die einem Projekt schaden können. Es ist wichtig, frühzeitig zu erkennen, welche Verhaltensweisen in einem Projekt hinderlich sind und die Machtspiele wie auch die Unternehmenskultur zu verstehen, um hier positiv entgegenwirken zu können. Es bringt nichts, die Augen vor der Mikropolitik zu verschließen, da diese oft ein fester Bestandteil des beruflichen (Projekt-) Alltags ist.

Zudem geht es darum, als Interim Manager (neue) Taktiken in das eigene Handlungsrepertoir zu integrieren, wie beispielsweise:

  • das Projektteam so in das Projekt einzubinden, damit es die Kernbotschaft des Projekts positiv in die Organisation hineinträgt.
  • „Beeinflusser“ ins Spiel zu bringen, die positiven Einfluss auf die Akzeptanz und das Verhalten der „Mikropolitiker“ haben.
  • aktive Unterstützung der Führungskräfteebene einfordern, um Machtspielchen frühzeitig den Nährboden zu entziehen und Unruhestifter in die Schranken zu weisen.
  • Bündnisse zu schließen, insbesondere wenn Rivalitäten und Konflikte das Projekt beherrschen, um Blockaden zu verhindern oder sogar aufzubrechen.
  • Schaffung von Transparenz durch Offenlegung von Entscheidungswegen, Erfüllung von Vereinbarungen und Projektzielen und klare Kommunikationswege sowie von Befugnissen.

Um Mikropolitik selbst ohne Bedenken einsetzen zu können, sollte stets das eigene Wertegerüst bekannt sein und regelmäßig reflektiert werden. Auge um Auge, Zahn um Zahn führt nicht zum Erfolg und sollte im Sinne des Projekts und aller Beteiligten immer vermieden werden.

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Über die Autorin

Sabrina Treptow

Sabrina Treptow

Über 14 Jahre Erfahrung als Projektmanagerin und Consultant digitaler Projekte in der Immobilienwirtschaft.

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